Neue Entwicklungen

Aktuell zum Lieferkettengesetz

Juli 2020

aus: www.weltladen.de

Petition: Initiative Lieferkettengesetz
Mit einer gemeinsamen Petition richtet sich die Initiative Lieferkettengesetz an Bundeskanzlerin Merkel. Ein Lieferkettengesetz soll dafür sorgen, dass Unternehmen Menschenrechte und Umweltstandards weltweit achten

Die Initiative Lieferkettengesetz, ist ein Zusammenschluss zahlreicher Organisationen mit einem gemeinsamen Ziel: Wir treten ein für eine Welt, in der Unternehmen Menschenrechte achten und Umweltzerstörung vermeiden – auch im Ausland.

www.lieferkettengesetz.de



Landwirtschaft ganz anders – fair und nachhaltig

Die Zero Budget Natural Farming Methode – eine Natürliche-Null-Budget-Landwirtschaft

In Indien hat man ein als “Zero Budget Natural Farming” (ZBNF) bezeichnetes Konzept entwickelt, das nun auch im großen Stil mit staatlicher Unterstützung umgesetzt wird.  Im Gegensatz zur “ökologischen” oder auch “biodynamischen Landwirtschaft” benötigen die Bauern dabei keine externen Zusätze. Durch die Nutzung moderner „bodenmikrobiologischer Prinzipien“, lassen sich so erhöhtere Erträge, als in der herkömmlichen Landwirtschaft erwirtschaften.

Ein Modell für eine ökologische Wende, eine kleinteilige Landwirtschaft und eines naturintegrativen Ansatzes, in der der Mensch, die Tiere und Pflanzen eine natürliche Einheit bilden.

Wenn Sie mehr dazu wissen möchten, so lesen Sie den nachfolgenden Artikel der ZEIT aus 24/2020,  schauen sich einen Film auf Youtube an oder gehen auf die Internetseite von Sankrantie.V.

Michael Klas
Juli 2020

https://sankranti.de/anbaumethode/

An Agriculturai Revolution is Taking Shape in India (Video in englisch)



Ökologie: Brahma, Krishna und Öko

Artikel aus Die Zeit 24/2020

In Indien läuft ein riesiger Feldversuch für eine alternative Landwirtschaft. Eine halbe Million Bauern vertraut dabei auf buntes Pflanzen-Nebeneinander, die Weisheit der Götter und einen Guru.

Von Christiane Grefe

Zwei Bauern aus dem Dorf Vellaturu im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh spannen ihre Rinder vor den Pflug.    © Alexandra Baumgartner  
Brahma, Krishna und Öko

“Du bist wohl verrückt!” Diesen Satz hören Bauernsöhne und -töchter in aller Welt, wenn sie auf dem angestammten Land der Familie etwas Neues versuchen wollen. Auch Selvan Vetrit Chelvan aus dem südindischen Dorf Kondalakuppam erzählt, wie sein Vater seinen Ideen misstraute: “Das wird doch nie was!” Chelvan wollte aussteigen: aus der konventionellen Reisproduktion mit Pestiziden und anderen Chemikalien. Gleichzeitig wollte er den Hof der Familie gegen die Folgen des Klimawandels wappnen, der Regenfälle immer unberechenbarer werden lässt. “Wenigstens auf kleinen Parzellen durfte ich es schließlich ausprobieren”, sagt er – und läuft voraus zu seinem Experimentierfeld.

Das soll ein Acker sein? Zwischen den gleichförmigen Reis-, Erdnuss- und Zuckerrohrfeldern der Gegend sticht Chelvans Landstück wie ein lichter Hain hervor. Man betritt ihn wie ein kühlendes Zimmer unter gleißender Sonne, mit grünen Wänden in allen Schattierungen, wild.

Dabei ist hier nichts dem Zufall überlassen, alles folgt einem strengen Pflanzschema. An jeder Ecke stehen Mangobäume, und in den Reihen, hier und da von Palmen überragt, Papayas, Bananenstauden und zartblättrige Moringas. Eine Etage tiefer gedeihen Mais und gelb blühende Linsenbohnen, noch näher am Boden Flaschenkürbis und Chili. Neben den Zwiebeln recken sich die Blätter von Kurkumawurzeln und Yams ans Licht. Chelvan gräbt eine aus und berichtet stolz: “Tagetesblumen und Gemüse sind schon lange abgeerntet.” Wie konnte er eine solche Fülle erzeugen? “Das habe ich von meinem Guru gelernt.”

Aus Dung und Samen werden diese Saatkugeln geformt, ganz generell sind Tierexkremente als Dünger zentral. © Alexandra Baumgartner

Auch beim zweiten Rad, Jeevamrit, dem “Nektar des Lebens”, kommen Rinderexkremente zum Einsatz. Mit Wasser, Linsenmehl, braunem Zucker und etwas frischer Erde verrührt und vergoren, werden sie alle zwei Wochen auf dem Feld versprüht. Das soll das Bodenleben anregen. Was mit dem dritten Rad, Acchadana, gemeint ist, spürt man sofort weich unter den Füßen: Erntereste, herabgefallene Blätter, überschüssige junge Bananentriebe, die Chelvan im Vorbeigehen herunterschneidet – alles bleibt liegen. “So ein Mulchteppich verhindert, dass zu viel Feuchtigkeit verdunstet”, erklärt er. Später entsteht Humus.

Zu guter Letzt sorge eine dichte Durchwurzelung für gute Belüftung und dafür, dass Feuchtigkeit bis in sehr tiefe Schichten dringen und dort gespeichert werden kann. Dieses Gleichgewicht von Sauerstoff und Wasser im Boden, Whapahasa, ist bei Subhash Palekar das vierte Rad.

Daneben führen Fruchtwechsel und der Mischanbau Pflanzen zusammen, die sich gegenseitig helfen. So bringen Moringabaum und Linsenbohne Stickstoff in den Boden, den Pflanzen zum Wachsen brauchen. Chili und Zwiebel vertreiben Schädlinge. Hohe Gräser sind Teil eines “lebenden Schutzzauns” rund ums Feld und liefern zugleich Kraftfutter, das Chelvan seinen Kühen geben oder aber verkaufen kann.

Größter agrarökologische Feldversuch der Welt
Die Bäuerin Rama Penugonda baut auf einem knappen halben Hektar Land im Dorf Vaddemgunta Früchte in Mischkultur an. © Alexandra Baumgartner

Auch der Wasserhaushalt wird durch das Zusammenspiel begünstigt. Denn Palmwedel und Bananenblätter sorgen dafür, dass jede Pflanze die für sie erforderliche Menge Schatten bekommt. Die grünen Schirme halten den prasselnden Monsunregen auf, sodass er langsam in den weichen Boden dringen kann, statt über ausgedörrte harte Oberflächen hinwegzuschießen. Nicht zuletzt wachse mit der Vielfalt der Pflanzen auch die Vielfalt der Tierarten, sagt Chelvan.

Der Bauernsohn hat Wirtschaftswissenschaften studiert, ehe er aufs Land zurückgekehrt ist. Mittlerweile sieht er sich selbst als Guru. Seine Version von ZBNF will er auch anderen Bauern beibringen – und das nicht nur wegen der ökologischen Vorteile.

Die Vielzahl der Produkte stelle sicher, dass Bauern das ganze Jahr über Einkommen beziehen, erklärt Chelvan: “Als wir umgestellt haben, konnten wir schon nach wenigen Monaten Blumen verkaufen.” Später dann Gemüse wie Okra oder Auberginen, Gewürze wie Kurkuma und Früchte wie Mangos oder Bananen. So hängt nicht mehr die gesamte Existenz an der Frage, wie sich der Reis auf den Feldern entwickelt. Wenn eine Kultur einmal nicht gedeiht, bringen die anderen Nahrung oder Geld. Das ist besonders wichtig, seit der Klimawandel das Wetter unberechenbar macht.

Wie ein Menetekel liegt neben dem blühenden Feld, das wie ein Garten Eden wirkt, ein vertrockneter Acker, auf dem zuletzt Zuckerrohr wuchs. Er gehört Chelvans Vater; nach zwei Dürrejahren konnte er dort nichts ernten.

Weltweit experimentieren Bauern, Forscher und Verbraucherschützer mit ähnlichen neuen Ideen für die Landwirtschaft, von Frankreich bis Finnland, von Tansania bis Mexiko. Und sie bekommen immer mehr wissenschaftlichen Rückenwind. In einer aktuellen globalen Metastudie, erschienen im Fachjournal Nature Plants, kommen chinesische und niederländischen Forscher zu dem Schluss, dass der gleichzeitige Anbau verschiedener Kulturen auf demselben Feld deutlich höhere Erträge pro Fläche bringt bei geringerem Einsatz von Düngemitteln. In Indien haben mehrere Bundesstaaten Förderprogramme für den Ökolandbau aufgelegt. Sikkim, ein Bundesstaat im Himalaya, will sogar alle Höfe darauf umstellen.

Doch nirgends wird der Kurswechsel so ehrgeizig vorangetrieben wie im Bundesstaat Andhra Pradesh im Südosten des Subkontinents. Dort beobachten Nachhaltigkeitsexperten wie der frühere Vizegeneraldirektor der Welternährungsorganisation Alexander Müller vom Thinktank TMG den “weltweit größten agrarökologischen Feldversuch”.

Andhra Pradesh gilt als Reisschüssel Indiens und als eines der wichtigen Anbaugebiete für Hirse, Linsen und Chili. 62 Prozent der rund 50 Millionen Einwohner leben von der Landwirtschaft, viele von ihnen sind sehr arm. Nun will die Landesregierung das Prinzip ZBNF flächendeckend einführen. Sechs Millionen Bauern sollen bis 2027 umgeschult werden.

Andhra Pradesh gilt als Reisschüssel Indiens und als eines der wichtigen Anbaugebiete für Hirse, Linsen und Chili. 62 Prozent der rund 50 Millionen Einwohner leben von der Landwirtschaft, viele von ihnen sind sehr arm. Nun will die Landesregierung das Prinzip ZBNF flächendeckend einführen. Sechs Millionen Bauern sollen bis 2027 umgeschult werden.

Einige Ökoverbände in Indien kritisieren, dass die Regierung nur eine ökologische Anbaumethode propagiere. Es gebe ja auch andere. Die Skepsis erwächst nicht zuletzt aus der Sorge, die Regierungspartei BJP könne ZBNF als Waffe in ihrem hindunationalistischen Kulturkampf instrumentalisieren, in dem Hindus über Muslime und andere Minderheiten gestellt werden. Agrar-Guru Subhash Palekar nährt solche Vorbehalte mit manchen Äußerungen. So besteht er darauf, nur einheimische Kühe – im Hinduismus verehrt – sollten Exkremente für Beejamrit und Jeevamrit liefern, die beiden Räder des Tempelwagens. Und er lobt den Gott Krishna als “ersten Agrarwissenschaftler”.

Der wichtigste Manager des großen Umbaus in Andhra Pradesh lächelt die Einwände unter seinem weißen Schnurrbart gelassen weg. Vijay Kumar Thallam empfängt Besucher spätabends an seinem Schreibtisch in der Stadt Guntur, einem quirligen Handelszentrum für E-Business und Agrarprodukte. Der langjährige Regierungsbeamte verfolgt sein Ziel mit großer Passion und Ausdauer. Dabei lässt sich der 64-Jährige auch dadurch nicht aufhalten, dass er inzwischen pensioniert ist. Dann steuert er die “disruptive Innovation” eben als Berater der landwirtschaftlichen Regierungsagentur Rythu Sadhikara Samstha (RySS) mit.

“Das Projekt ist mit keiner Religion oder Ideologie verbunden und auch für andere Methoden offen”, sagt Kumar Thallam. “Aber ZBNF ist recht leicht zu handhaben und deshalb ein guter Start für den Lernprozess an der Basis. Und Palekar ist inspirierend, er spricht die Bauern an.”

Flüsse vergiftet, Grundwasserspiegel gesunken, Böden versalzen

Die Regierungsagentur versammelte deshalb schon bis zu 8000 Teilnehmer bei mehrtägigen Veranstaltungen mit dem Dozenten Subhash Palekar in großen Zelten. Vor allem aber koordiniert sie Tausende sogenannter Champions und andere Helfer in den Bezirken und Dörfern. Sie mobilisieren die Bauern beim Gang von Hütte zu Hütte. Besonders aktiv sind Frauen-Selbsthilfegruppen, die Kumar Thallam seit Jahrzehnten gefördert hat: “Sie sind jetzt unser wichtigstes Kapital.” Mehr als 150.000 solcher Gruppen mit rund 1,5 Millionen Mitgliedern hätten viel Erfahrung und wüssten, wie man gerade jene Bauern anspricht, die Unterstützung am meisten brauchen.

Überdies sind fast 300 Uni-Absolventen als Praxisdozenten eingespannt, die sich mit Bauern jede Woche in “Feldschulen” treffen sollen, wenn es das Coronavirus wieder zulässt.

In einem Dorf unweit von Guntur steht Hanuman, einer dieser Dozenten, an der Tafel. Vor ihm hocken Bauern und Bäuerinnen mit gekreuzten Beinen auf einer blauen Plane im Staub. Darauf hat Hanuman Weißbrotscheiben verteilt und daneben kleine weiße Hügel aus Mehl angehäuft. “Schüttet mal Wasser auf beides”, sagt er, “vergleicht, was passiert.” Die Bauern kippen vorsichtig Flüssigkeit aus ihren Krügen und beobachten: Während das Wasser beim Mehl die Oberfläche verklumpt und dann trübe zur Seite wegfließt, saugt sich das Weißbrot voll und gibt klare Flüssigkeit ab.

Das Experiment soll die Wirkung des Jeevamrit demonstrieren. Enzyme und Wärme hätten den Brotteig ähnlich porös wachsen lassen, wie sie es bei einem gesunden Boden tun, erklärt Hanuman. Im Brot sorge die Hefe dafür, im Boden die Vielfalt der Mikroben. Auch wie man Pflanzenschutzmittel aus Blättern und Kräutern wie Tabak, Chili und Neem anrührt, lernen die Bauern bei ihren Treffen.

Die Bohnen gedeihen hervorragend in der Nachbarschaft von Papayabäumen, im Hintergrund wächst Rizinus. © Alexandra Baumgartner

Ein Rundgang über ihre Äcker zeigt: Agroforstsysteme, bei denen wie bei Vetrit Chelvan Bäume und Nahrungskulturen auf einem Feld wachsen, haben die meisten noch nicht angelegt. Viele Bauern, besonders die ärmsten, sind risikoscheu. Sie mischen erst mal auf einem Teil ihres Landes zwei, drei Kulturen, etwa Okra mit Bohnen und Mais, und arbeiten auf dem Rest konventionell. “Entscheidend ist: Der Prozess hat begonnen”, sagt Kumar Thallam.

Und dieser Prozess einer neuen Grünen Revolution startet nicht zufällig gerade dort, wo vor sechs Jahrzehnten die alte ihren Ausgang nahm.

Abertausende von Indern litten damals unter Hungersnöten, die Ernten hielten mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt. Um mehr aus einem Hektar Land herauszuholen, führten große amerikanische Stiftungen ertragreiche Getreidezüchtungen ein. Im Punjab im Norden bekamen die Bauern Hybridweizen, im südlichen Andhra Pradesh wurden neue Reissorten eingesetzt. Die Hochleistung hatte zwar einen Preis, die Pflanzen waren anfälliger als lokal angepasste Sorten. Doch ein Paket aus subventionierten Bewässerungssystemen, synthetischem Dünger und chemischen Pflanzenschutzmitteln glich die Schwächen aus. Über viele Jahre war die “moderne Landwirtschaft” erfolgreich. Indiens Getreide-Erträge konnten im Durchschnitt verdreifacht werden. Allerdings: Auch die Nebenwirkungen vervielfachten sich.

Als “Vater der Grünen Revolution” in Indien gilt Monkombu Sambasivan Swaminathan. Heute 96 Jahre alt, erinnert sich der Agrarwissenschaftler an einen Vortrag, den er vor mehr als fünfzig Jahren hielt. Schon damals, sagt er, habe er davor gewarnt, die neuen Methoden allein aus “kurzfristigen Profit- oder Produktivitätsmotiven” voranzutreiben.

Wer glaube, er könne die Struktur und Fruchtbarkeit der Böden vernachlässigen, wer auf immer größeren Flächen die Vielzahl lokal angepasster Sorten auf ein, zwei Pflanzenarten verringere, der könne den Ackerbau “eher in eine Ära landwirtschaftlicher Katastrophen als landwirtschaftlichen Wohlstands führen”. So redete Swaminathan dem Indian Science Congress 1968 ins Gewissen.

Ein halbes Jahrhundert später liest sich diese Rede wie eine Prophezeiung. In vielen Regionen sind Flüsse vergiftet, Grundwasserspiegel gesunken, Böden versalzen. Der “enorme und vielfältige Reichtum Indiens, seine agrikulturelle Artenvielfalt einschließlich des damit verbundenen traditionellen Wissens sind überflüssig gemacht, ja umfassend zerstört worden”,
heißt es im Umweltmagazin Down To Earth, herausgegeben von einem der führenden Öko-Institute Indiens, dem Centre for Science and Environment. Die Erderwärmung verschlimmert die Leiden des bereits geschwächten Opfers noch. Bis 2050 könnten 60 Prozent der Inder von Nahrungsmittelknappheit betroffen sein, warnen Forscher in der Fachzeitschrift Nature Sustainability.

Ohne Probleme verläuft der Wechsel aber nicht


Darüber konnten Politiker nicht länger hinwegsehen, zumal das ökologische Drama zugleich ein soziales ist. Fast 300.000 indische Farmer nahmen sich in den letzten zwanzig Jahren das Leben, oft aus Scham und meist, weil ihnen wirtschaftlich das Wasser bis zum Halse stand. Denn die Kosten für Hybridsaatgut, Kunstdünger, Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel stiegen laufend an, während die Preise für Reis und Weizen infolge der geöffneten Weltmärkte immer unzuverlässiger wurden. In Andhra Pradesh waren jahrelang mehr als 80 Prozent der Bauernfamilien hoch verschuldet.

Zero Budget Natural Farming: Der Name spielt auch auf die Befreiung aus dieser Abhängigkeit an. Nach vier Jahren machen 523.000 Bauern in rund einem Viertel der Dörfer Andhra Pradeshs mit – “freiwillig, ohne Zwang”, wie Vijay Kumar Thallam betont. Derzeit wird das Großprojekt neben der Landesregierung und jener in Delhi von der philantropischen Stiftung des Großindustriellen Azim Premji mitfinanziert. Außerdem gibt es Unterstützung von der Welternährungsorganisation FAO, vom UN-Umweltprogramm Unep und vom World Agroforestry Centre ICRAF. Anfang des Jahres hat auch die deutsche Entwicklungspolitik über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Kredite in Höhe von 90 Millionen Euro über fünf Jahre zugesagt. Dass immer mehr gewichtige internationale Förderer auf agrarökologische Systeme setzen, ist ein weiteres Indiz für den Paradigmenwechsel.

Ohne Probleme verläuft der Wechsel aber nicht. Es gibt Kritik, etwa von der Nationalen Akademie der Agrarwissenschaften. Die warnte vor einer unzulänglichen Erforschung der Methoden, vor sinkenden Erträgen und fehlenden Vermarktungschancen.

Für Landwirte, die großflächig Reis oder Zuckerrohr erzeugen, sei die Umstellung schwierig, das gesteht Kumar Thallam zu. Daher gelte: “Die großen Höfe zuletzt, zuerst die kleinen.” Die kleinen: Das sind 86 Prozent der Bauern in Andhra Pradesh, von denen viele nicht mehr als einen Hektar Land bebauen. “Davon versorgen sie erst einmal ihre Familien und verkaufen ihre Überschüsse direkt an kleine Geschäfte in nahe gelegenen Städten”, sagt Kumar Thallam. Mittelfristig arbeite die RySS an Vermarktungskonzepten für mittlere und größere Betriebe.

Laut Befragungen der RySS haben 88 Prozent der Landwirte im ZBNF-Programm ihr Einkommen verbessern können, weil Kosten und Risiken sanken, während die Preise für vielfältige Produkte stiegen.

Es sei wichtig, meint Kumar Thallam, dass die Bauern das Konzept gemeinsam an die regionalen Bedingungen anpassten und fortentwickelten: “Sie sind die besten Forscher.” Überdies hat sich das ZBNF-Programm eine unabhängige Begleitforschung verordnet. Ein FAO-Team beobachtet die Umsetzung. Die britische Universität Reading prüft die Auswirkungen auf Bodenqualität und Pflanzenwachstum. ICRAF-Forscher untersuchen, ob und wie die Fruchtbarkeit durch die stärkere mikrobielle Aktivität tatsächlich gesteigert wird und ob der Boden mehr Kohlenstoff speichert, sodass Klimagas-Emissionen stärker als beim konventionellen Anbau vermieden werden können. Schließlich studiert der indische Council on Energy, Environment and Water (CEEW) die Auswirkungen auf Chemikaliennutzung und Regierungshilfen. Im besten Fall rechnen Fachleute dieses CEEW damit, dass der Staat bis zu 290 Millionen Dollar Agrarsubventionen für Dünger, Pflanzenschutz und andere Betriebsmittel einsparen könnte. Eine Studie zeigt: Jeder Dollar, den der Staat in die Vermittlung der Methode investiert, bringt den Bauern rund 13 Dollar ein.

Das ist auch eine erste Antwort auf die Kritik an den teilweise geringeren Ernten. Für Vijay Kumar Thallam lassen sich die bisherigen intensiven Anbausysteme allein über die Ertragsdaten für einzelne Produkte gar nicht mit den neuen agrarökologischen Mischfrucht-Ansätzen vergleichen. “Unsere Leitfrage ist eben nicht mehr, welche Mengen Reis oder Mais wir pro Anbausaison ernten”, argumentiert er, “sondern, wie lange wir an 365 Tagen grünes Wachstum und verschiedene Kulturen produzieren.” Deshalb müssten künftig eher Kalorien, Biomasse oder eben das Einkommen pro Hektar verglichen werden statt Reisernten mit Reisernten.

Zugleich würden die positiven ökologischen Wirkungen bei den Ertragsvergleichen meist nicht eingerechnet, sagt Vijay Kumar Thallam, und ebenso wenig die sozialen, etwa dass die Armen sich besser ernährten.

Die Dorfbewohner haben den Beweis auf einem Bananenblatt serviert: Zu salzigem Lassi und süßer Dickmilch gibt es Basmatireis, der mit einem süßlichen Bohnen- und einem scharfen Linsengericht umlegt ist, mit knusprig gerösteten Cashew-Gemüse-Crackern, Kichererbsenplätzchen, getrockneten Chilischoten, Auberginen, einer einheimischen Kürbisart und Trommelschlegeln, den nahrhaften Früchten des Moringabaums. Alles saisonal von den eigenen Feldern