Städte werden weiter wachsen

Idsteiner Zeitung vom 15.09.2018
Städte werden weiter wachsen
Interkulturelle Woche: Staatenentwicklungs-Expertin nennt Gefahren und Potenziale der Urbanisierung

Von Yasemin Heil

Clara-Luise Weichelt (rechts) fordert in ihrem Vortrag, in den Städten für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.                    Foto: wita/Mallmann

IDSTEIN – „Our future is Urban.“ Clara-Luise Weichelt ist sich sicher: Die Urbanisierung sei der Megatrend unserer Zeit. Laut der Expertin des bischöflichen Hilfswerks Misereor für nachhaltige Staatenentwicklung hat dieser Trend großes Potenzial, stellt die Menschen jedoch auch vor große Herausforderungen. Was können die Menschen für ökonomisch effiziente und vor allem sozial gerechte Städte tun? Diese Frage versuchte Weichelt bei der Auftaktveranstaltung der Interkulturellen Woche im Pfarrsaal der katholischen Kirchengemeinde St. Martin in Idstein zu beantworten.

Politische Teilhabe und Achtung der Menschenrechte

Die immer weiter aufklappende Schere zwischen Arm und Reich sei das wahrscheinlich größte Problem der urbanen Bevölkerung, erklärte Weichelt. Die Menschen lebten unter gegensätzlichen Bedingungen, die Lebensumstände der ärmeren Bevölkerung würden immer schlechter. So berichtet Weichelt von ihrer Dienstreise nach Lima, der Hauptstadt Perus: „In Lima herrscht katastrophale Wasserknappheit. Die Stadt liegt in der Wüste und dennoch erstrahlen die Parks in den Reichenvierteln der Stadt in einem saftigen Grün. Die reichen Bürger Limas verzeichnen einen größeren Wasserverbrauch als die Deutschen, die kein Problem mit ihrer Wasserversorgung haben.“

Natürlich gehe diese Entwicklung auf Kosten der armen Bürger, denen der Zugang zu frischem Trinkwasser entweder nur für einige Stunden am Tag oder erst gar nicht gewehrt werde. Die Städte der Zukunft müssten, betont die Expertin, daher vermehrt auf die Rechte aller Menschen achten: „Das Recht auf Stadt muss für alle Bevölkerungsgruppen gelten. Das Wachstum der Städte muss funktionieren, ohne jemanden zurückzulassen, und das kann nur durch politische Teilhabe und die Achtung der Menschenrechte passieren.“

Doch die Urbanisierung sei nicht der einzige große Megatrend unserer Zeit: Die Folgen des Klimawandels seien allgegenwertig. Besonders betroffen seien die sogenannten „LICs“, die Low Income Countries, also Länder mit geringem Einkommensniveau. Diese Länder litten unter Überflutungen, lang anhaltenden Dürreperioden, Wasserknappheit und anderen Katastrophen, obwohl sie laut Weichelt den geringsten Beitrag zum Klimawandel geleistet haben. Des Weiteren erklärte sie, dass der Klimawandel und die Verstädterung eng miteinander verknüpft seien: „In den Städten wird sich entscheiden, ob die Ziele von Paris eingehalten werden können.“ Zwar seien die „Megacities“ generelle Treiber des Klimawandels, sie bieten aber auch viel Potenzial in Sachen nachhaltiger Entwicklung.

Clara-Luise Weichelt ruft daher dazu auf, die Städte der Zukunft unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit nachhaltig zu gestalten, um so die Folgen des Klimawandels zumindest ein wenig einzudämmen. Dies sei ein nur schwer erreichbares Ziel, da etwa 90 Prozent der vorhergesagten Urbanisierung auf dem asiatischen und afrikanischen Kontinent geschehen werde, also dort, wo soziale Ungerechtigkeit im großen Ausmaß herrsche.
Die Interkulturelle Woche des Netzwerkes „Idstein bleibt bunt“ steht in diesem Jahr unter dem Motto „Vielfalt verbindet“. Bis Sonntag, 7. Oktober, finden in Idstein unterschiedliche Veranstaltungen statt, die von Experten-Vorträgen und Konzerten über gemeinsames Kochen und Essen bis hin zu ökumenischen Gottesdiensten die unterschiedlichsten Bereiche abdecken.

zurück